Einmal Fiktion und wieder zurück

Autorin Carola S. Ossig im Interview mit Mindgap


Carola S. Ossig hat es immer Spaß gemacht zu schreiben. Die gelernte Bürokauffrau wurde in Offenbach geboren und konzentriert sich seit 2016 ausschließlich auf ihre Autorentätigkeit. Eine innovative, dynamische Frau. Was sie macht, hat Hand und Fuß. Sie lässt sich nicht unterkriegen und hat eine grundsätzlich positive Lebenseinstellung. Kraft holt sie sich aus der Liebe zu ihrem Partner, der Beziehung zu ihrem Sohn und ihren Freunden. Sie ist kreativ, sinnlich, liebt es zu lachen, isst sehr gerne fettarme, aber geschmackvolle Gerichte und liebt Prosecco. Sie macht sich Gedanken über das Thema „Der zufriedene Mensch“ und betrachtet dies von vielen Aspekten. Dadurch entsteht eine ausgeglichene Frau, die das lebt, was sie sagt und denkt. Seit vier Jahren hat sie Bücher mit komplett unterschiedlichen Themen veröffentlicht, darunter eine Kurzgeschichtensammlung, einen fröhlich-romantischen Roman, einen heimatlichen Rhein-Main-Krimi und eine Stadtchronik. Erste Erfahrung machte sie bereits vorher, als sie für das Stadtjournal schrieb und die Redaktion der Zeitschrift BAND der evangelischen Kirche Erlensee leitete.


Sie haben Ihre Ursprünge im Non-Fiktionalen. Wie kamen Sie zur Belletristik?

Ich glaube, man kann vieles emotional besser beschreiben als in der Realität und dem Leser damit näherbringen. Ich kann mich allgemein in Dramatik und Epik mehr ausleben. Eines ist klar: Situationen aus der Realität können der Auftakt für eine Geschichte sein, auch für einen Krimi, ausschlaggebend ist, daraus fesselnden Lesestoff zu machen.

Ihr spannender Kriminalroman „Nebeltanz“ hat mit Kindesmissbrauch ein sehr ernstes Thema. Wie kamen Sie dazu?

Häufig ist es so, dass manche Leute sich über die Belletristik einen Roman zu Gemüte führen, der sich mit einem bestimmten  Grundgedanken befasst und sich die gleichen Leute danach mit diesem Thema erst dann näher auseinandersetzen, weil sie einen emotionalen Zugang dazu bekommen haben.  Oft, wenn bestimmte Nachrichten im Fernsehen kommen, geht vieles leider schnell wieder in Vergessenheit, wie man im Volksmund sagt: In das linke Ohr rein und zum rechten wieder raus. Zum Beispiel über die Kindesmisshandlung der Kinder von den Regensburger Domspatzen ist zwar auch berichtet worden, aber das war eine Mitteilung von fünf Minuten. Dann war das Thema schon wieder gegessen.  Die Leidtragenden selbst berichteten von „der schlimmsten Zeit ihres Lebens“.  Als Anerkennungsleistung gab es durchschnittlich für die Betroffenen 10.000 Euro, und das war´s. Das Problem tragen diese Menschen als seelische Belastung ihr ganzes Leben lang mit sich, in einer Dimension, da wären wahrscheinlich 100.000 EUR zu wenig. Daher meine Idee, das in Form von einem interessanten Roman aufzuarbeiten, um den Schwachen eine Stimme zu geben.

Dabei ist die Recherche bestimmt nicht zu unterschätzen. Wie gehen Sie da vor?


„Ich schreibe ja keine Märchen, also sind Fakten wichtig.“


Ich brauche den Menschen. Ich brauche den Kontakt. Ich brauche das Gefühl, die Empathie, was ich höre und was man mir berichtet. Das ist mir unglaublich wichtig. Mein Mann und ich waren mindestens drei Mal bei der Staatsanwaltschaft in Frankfurt und haben dort mit der Staatsanwältin Isabelle Gervasoni gesprochen, die mich unterstützte und half, polizeiliche Ermittlungsarbeit korrekt darzustellen. Ebenso Frau Oberstaatsanwältin Nadja Niesen, die als Pressesprecherin die Staatsanwaltschaft Frankfurt vertritt. Auch mit Pfarrer Heribert Jünemann aus Bruchköbel hatte ich guten Kontakt, mit dem ich über das Beichtgeheimnis sowie das fünfte Gebot (Du sollst nicht töten) angeregt diskutiert habe. Das Buch „Rechtsmedizin systematisch“ von Prof. Dr. R. Penning hat mir bei einigen Todesarten drastisch per Fotografie die Augen geöffnet. Ohne Recherche geht es nicht.

Gab es während der Arbeit zu so einem brisanten Thema ungewöhnliche Erlebnisse bei der Recherche?

Wir haben bei der Wasserschutzpolizei angerufen und gefragt, wie das wäre, wenn wir am Westhafen eine Leiche ins Wasser schmeißen. Wann käme die dann in Griesheim an. Die Polizei war nicht so richtig begeistert. „Was wollen Sie? Ist das Ihr Ernst?“ (lacht). Aber die haben uns dann im Endeffekt an das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Aschaffenburg weitergeleitet, die mich über die Fließgeschwindgkeit und Strömungsverhältnisse des Mains im November aufklärten.

Carola S. Ossig, Foto: J. Max Gepperth
Die Faktentreue scheint Ihnen sehr wichtig zu sein.

Ich schreibe ja keine Märchen, also sind Fakten wichtig. Und da bin ich über jede Hilfe froh. Vor allem die Tipps der Pathologie und der Gerichtsmedizin waren hilfreich. Da gab es eine Menge, was in vielen Kriminalromanen oder Filmen total falsch dargestellt wird. Beispielsweise die Büros der Staatsanwälte, die sind in der Realität wirklich sehr klein, darin ein Schreibtisch, der voll mit Akten ist. Der Boden auch, alles belegt. Wir haben in einige Räume rein gesehen. Die sahen alle so aus. Von wegen repräsentativ! Das Leben eines Staatsanwaltes ist kein Zuckerschlecken.

Kommt es dann auch einmal vor, dass Sie eine Idee aufgrund Ihrer Nachforschungen verworfen haben?

Ja. Und das ist ernüchternd. Beispielsweise hatten wir uns per Internet in der Theorie ein brauchbares Haus mit Wohnungen auf der Hanauer Landstraße rausgesucht. Wir hatten uns in der Geschichte schon überlegt, dass die Person da wohnt und dort jemanden umbringt. Wir sind dann hingefahren und mussten vor Ort leider feststellen, dass es da nur Büros und Werkstätten gibt, keine Privatwohnungen. Die Geschichte habe ich dann wo anders hin verlegt und die Story umgeschrieben.

Sie gehen sehr strukturiert vor. Brauchen Sie Ruhe beim Schreiben oder geht das Schreiben auch im Trubel?

Beides, das ist tagesformabhängig. Ich kann aber auch mit Trubel gut umgehen. Mein Mann und ich waren vor ein paar Jahren auf Ischia (bei Capri) zu einer Weiterbildungsreise. Dort gab es in der Mitte des Ortes eine sehr familiäre, recht belebte Bar. Die Einheimischen gingen ein und aus, tranken früh ihren Espresso oder nachmittags ein Bier. Die Frauen kamen zum Mittags-Klatsch, und auch die Kinder trafen dort nach der Schule ein, um mit ihren Müttern gemeinsam nach Hause zu gehen. Auch wir waren sehr gerne dort und fühlten uns völlig integriert, „Italien pur“. Wir saßen in der Ecke dieser Bar, entwarfen und besprachen die nächsten Abschnitte des Romans, ich hatte meinen Laptop eingestöpselt, und den ganzen Tag Seite für Seite bei Kaffee, Wasser und Weißwein geschrieben. Und dieses Gefühl irgendwo zu sitzen, unter Palmen oder in einer Bar, um frische Gedanken wiederzugeben, dazu benötige ich nicht immer Ruhe um mich herum. Es macht einfach Spaß, und diese Freude an der Tätigkeit treibt mich voran – in welcher Form auch immer.

Wollen Sie eines Ihrer Bücher fortsetzen?


„Es war dann besser eine Dreiviertelstunde früher aufzustehen und zum Aubildungsplatz zu laufen. Das rutscht auch in die Richtung Kreativität.“

Meine fiktive Frankfurter Hauptkommissarin Jessica Steinfels ist bei den Lesern vom „Nebeltanz“ sehr gut angekommen. Der Wunsch, sie in einem Folgeroman neu zu beleben, wird oft an mich herangetragen. Eventuell gibt es sogar eine Idee dazu: Durch Zufall hatten wir herausgefunden, dass ich Verwandte in Namibia habe, deren Einladung wir 2011 folgten. In dem dreiwöchigen Aufenthalt haben wir viel über Afrika erfahren, auch über die damaligen Diamantenschürfungen dort. Mein Großonkel  war sogar Direktor einer solchen Diamantenmine. Und über diese Erlebnisse ist die Idee einer Story entstanden, die mit der Kolonialzeit zu tun hat, als zeitlichen Bogen gespannt mit dem Diamantenschmuggel von heute, verbunden mit einem Mordfall, den Jessica Steinfels betreut.

Zum Schluss: Was ist für Sie Kreativität?

Kreativität ist die Möglichkeit der Schaffenskraft aus dem was man im Leben gelernt hat, zweckdienlich umzusetzen. Dazu gehört auch eine große Portion Flexibilität. Das bedeutet für mich als Autorin, wenn ich schreibe, kann es (wie in meinem Liebesroman) fröhlich sein, oder wie in dem Roman „Nebeltanz“ problemangemessen, aber trotzdem so originell, dass der Inhalt gerne gelesen wird. Ich schöpfe mit meinem Kopf und den Händen aus Vorhandenem und verändere es in eine neue Form, eine Geschichtsform. So würde ich – was mich angeht – Kreativität bezeichnen, eine Art emotionale Intelligenz.

Haben Sie ein Beispiel?

Als ich jung war wollte ich beispielsweise unbedingt ausziehen und auf eigenen Füßen stehen. Da hat man eben nur ein bestimmtes Geld zur Verfügung. Manchmal, zu Zeiten meiner Ausbildung, war das Geld knapp. Dann wurde der Alltag schwierig und man muss sich Ziele setzen. Beispielsweise fünf D-Mark pro Tag ausgeben, mehr nicht. Dann ging das Busfahren beispielsweise nicht mehr. Es war dann besser eine Dreiviertelstunde früher aufzustehen und zum Aubildungsplatz zu laufen. Das rutscht auch in die Richtung Kreativität, denn ich musste lernen aus Gegebenheiten das Maximale herauszuholen. „Aus wenig Viel oder Neues zu machen“ in Form von Essen (Kochen), Musizieren, Malen oder auch im Schreiben. Auszuprobieren, was zu einem passt, welche Talente man besitzt. Kann ich Tapezieren, Malern, Streichen? Mir dadurch Geld sparen? Oder neige ich dazu anderen Menschen zu helfen, sie zu unterstützen? Worin bin ich gut, was macht mir Spaß? Erfahrungen im Leben positiv umzusetzen – das ist Leben pur!


1 Kommentar

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Ein wunderbares Interview mit einer Frau, die viel ausprobiert und viel zuwege bringt. Ich bewundere sie mit ihrer Konsequenz in allem was sie tut und freue mich an ihren Erfolgen.
Klasse, Caro! Bin gespannt auf dein nächstes Werk, wie immer das auch aussehen mag.

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