Für euch gesehen: Queen of Drags

Für euch gesehen: Queen of Drags

Bei “Dragqueen” kommen vielleicht die wenigsten auf den Gedanken, diesen Begriff mit „Kreativität“ zu verbinden. Vor dem geistigen Auge sehen wir einen Mann mit sehr viel Schminke, einer Perücke und bunt schillernden Outfits. Wie viel allerdings hinter dieser Aufmachung steckt, zeigt das neue Showformat auf Prosieben „Queen of Drags“. Jedoch startete die Sendung nicht nur mit guter Kritik.


Titel: Queen of Drags
Erschienen bei: Prosieben
Juroren: Heidi Klum, Bill Kaulitz, Conchita Wurst
Produktion: Pro7Sat1 Media

Darum geht’s: Von Hunderten von Bewerbern wurden zehn deutsche Dragqueens ausgewählt, die jeden Donnerstagabend gegeneinander antreten. Jede Woche müssen die Kandidatinnen mit einer kurzen mottogebundenen Bühneneinlage und einem selbst kreierten Kostüm überzeugen. Nach den kurzen Shows vergibt die Jury – bestehend aus Model Heidi Klum, Sänger Bill Kaulitz, der Gewinnerin des Eurovision Song Contests 2014 Conchita Wurst, sowie einem wöchentlich wechselnden Gastjuror – Punkte. Die Kandidatin mit den wenigsten Punkten der Woche, verlässt die Show bis eine Gewinnerin übrig bleibt. Bis zum großen Finale leben alle Kandidatinnen in einer Villa zusammen.

Im Vordergrund der ersten Sendung stand eine Vorstellungsrunde aller Kandidatinnen. Dabei begleitete sie ein Kamerateam in ihren eigenen vier Wänden und filmt sie zunächst vorwiegend in ihren normalen Alltagsklamotten. Schnell wird klar, dass jede von ihnen viel Zeit, Kreativität und mit Sicherheit auch Geld in ihre Kostümierungen steckt. Jedes einzelne Outfit, auch die für die Shows in der Sendung, haben sie in mühevoller Kleinstarbeit selbst entworfen und auch die Perücken selbst genäht. Auf der Bühne müssen sie sowohl mit ihren Outfits, als auch mit einer eigenen Tanzperformance beeindrucken. Dabei achtet die Jury sehr genau ob das Kostüm hält und die Perücke fest sitzt. 

Aber wie wurden die Kandidatinnen ausgewählt? „Da zählen für uns ihre Talente. Wir haben sie nach Tanz und Performances, Outfit und Kostümen, sowie Kreativität und Ausgefallenheit bewertet“, erklärt Bill Kaulitz in einem Off-Kommentar. 

Als Prosieben die Sendung und die Jury Ende Juni bekanntgegeben hat, sorgte das für reichlich Aufruhr unter den Zuschauern und der Community der Dragqueens. Besonders Jurorin Heidi Klum musste sich im Vorfeld einiges an Kritik anhören. Das Model habe mit der Community nichts zu tun und keine Ahnung davon – wie wolle sie die Dragqueens dann bewerten? Die Tageszeitung kritisierte, dass sie die Models bei dem Format Germany’s next Topmodel (GNTM) durchgängig bloßstelle und zur Ware machen würde. Für eine Sendung, in der es um Toleranz und Solidarität gehe, sei sie nicht geeignet. 

Jurorin Heidi Klum musste sich im Vorfeld viel Kritik anhören. Aufgrund ihrer Rolle in Germany’s next
Topmodel sei sie viel zu intolerant.
Quelle: Glenn Francis/Pacific Pro Digital Photography / Commons.

In der ersten Sendung kann wahrscheinlich jeder sehen: Ja, neben Dragqueen Conchita Wurst und Tokio Hotel-Sänger Bill Kaulitz, wirkt Klum eher fehl am Platz.
Man merkt ihr an, dass sie diese Kritiken zu treffen scheinen. Beim ersten Aufeinandertreffen der Kandidatinnen mit der Jury, wirkt sie so unsicher und nervös wie nie zuvor. Die Drags verstärken dies. Auf Klums Frage, ob sie sich nicht auch mal die Augen so stark schminken solle, antwortete eine der Kandidatinnen prompt, aber scherzhaft: „Dann sagen alle du seiest eine Schlampe!“ Natürlich war das ein Scherz und keine der Dragqueens verlor im Laufe der Sendung ein böses Wort über Klum. Jedoch kann sich wohl niemand vorstellen, dass eines der GNTM-Mädchen sich so einen Spruch erlaubt hätte. Aber die Drags wirken selbstbewusst und scheinen um kein Wort und keinen Scherz verlegen zu sein. Damit muss die „Model-Mama“ wohl erst einmal klar kommen. 

Schnell entwickelt sich die Lage zu einer kleinen Therapiesitzung für das Model. Sie spricht offen über ihre Ängste, in der Öffentlichkeit falsch verstanden und kritisiert zu werden. „Ich will ja nicht, dass ich nachher Ärger kriege mit eurer Community!“, gibt sie zu bedenken. Sie verstehe den Trubel um ihre Person nicht. „Ich denke mir, ich bin offen, tolerant für alle Menschen. Egal was für eine Farbe sie haben, wie alt sie sind, wo sie herkommen oder wen sie lieben. Ich verstehe nicht, dass einige da so intolerant sind. Nur weil ich hetero, weiß und eine Frau bin – das ist total gemein und passt auch nicht zusammen!“ 

Kandidatin Vava Vilde ist überrascht von ihrer Offenheit und schätzt es, dass Klum nach ihrer Meinung fragt. Ihre Anwesenheit stört die Drags keineswegs, weshalb sie um mehr Toleranz aus ihrer Community bitten. Letztendlich haben sich auch die Befürchtungen „Heidi Klum würde allen die Aufmerksamkeit stehlen“, nicht bewahrheitet. Der Fokus der Show lag immer auf den Kandidatinnen und Klum hatte mit Sicherheit so wenig Sendezeit wie in keiner anderen Sendung zuvor. 

Es bleibt abzuwarten, wie sich die Sendung in den sechs Wochen entwickelt. Bisher lag der Fokus weniger auf den abschließenden Bühnenshows, als vielmehr auf den Vorbereitungen und Zickenkriegen in der Villa. Möglicherweise soll dem Zuschauer damit die Welt der Dragqueens näher gebracht werden. Es wäre aber wünschenswert, die Bühnenshows etwas hervorzuheben und mehr daraus zu machen als eine sekundenlange Einlage. 

Die Kandidatinnen haben jedoch bewiesen, dass sich mehr in ihnen verbirgt als ein kostümierter Mann. Alles an ihnen ist Kunst – von ihnen selbst entworfen und ausgelebt. Sie sind Künstlerinnen mit viel Talent und Power und es ist Zeit, dass ihre Welt endlich eine Leinwand bekommt.

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