Gedankenspiel: Kreativität braucht Freiräume

Gedankenspiel: Kreativität braucht Freiräume

Erst kürzlich habe ich im Bus ein Gespräch unter drei Leuten mitbekommen. Es ging um die Harry Potter YouTube Videos von coldmirror. Bei einer Sache waren sich alle einig: Diese Videos kennt jeder. Eines der Mädels meinte, dass jemand wirklich hinter dem Mond gelebt haben muss, falls derjenige diese Videos nicht kennt. Dann fing sie an einen Songtext aus den Videos fröhlich nachzusingen. Ihr war es egal, ob der ganze Bus zuhört oder nicht. Als sie ihre Zeilen fertig geträllert hatte, fragte sie in die Runde, wer so „hobbylos“ sei, Zeit in die Erstellung solcher Videos zu investieren. Das andere Mädchen konterte mit der Gegenfrage, ob das tatsächlich „hobbylos“ oder doch eher kreativ sei. Eine gute Frage, dachte ich mir. Zum Schluss warf ein Junge in der Runde, dass es ganz darauf ankommt, „was man für kreativ hält“. 

Und ich muss sagen: Er hat Recht. Es ist wirklich schwierig eine Grenze zu ziehen, wo Kreativität anfängt und wo sie aufhört. Wer entscheidet letztendlich was kreativ ist? Kreativität bedeutet etwas Neues zu erschaffen, etwas, das es so vorher noch nicht gegeben hat. Klingt eigentlich erstmal ganz einleuchtend und nach etwas, dass jeder hinbekommen könnte, unabhängig von seinem Geschlecht. Dennoch ist die Anzahl der Frauen, die bisher durch Kreativität auffielen, gering. Egal welchen Bereich wir näher betrachten, ob Kunst, Musik oder Wissenschaft.

„Überall da, wo Kreativität ein gesellschaftlich gewürdigtes Gut darstellt, treffen wir auf viele Männer und vergleichsweise wenige Frauen.“

(Anette Kämmerer)

Aber woran liegt das? Warum finden sich seit jeher mehr Männer als Frauen, die mit ihren kreativen Leistungen glänzen? Sind die Unterschiede von weiblicher und männlicher Kreativität vielleicht so gravierend, dass die Auslebung männlicher Kreativität gezielter wahrgenommen wird, als die weibliche? Erinnern Sie sich noch an die Hornbach-Werbung von vor ein paar Jahren? Ein Mann fällt nackt einen Hang im Wald hinunter und rollt dabei über Äste, Erde und Steine. Am Ende des Videos sieht man ihn dabei, wie er ein großes Loch in seinem Garten gräbt und der turbulente Fall vom Hügel stellt dar, wie er sich dabei fühlt, während er dieses Loch gräbt. Vielleicht ist es genauso simpel wie dargestellt. Männliche Kreativität ist größer, lauter, exzessiver, wilder und schafft sich so ihre Aufmerksamkeit. Vielleicht brauchen Frauen keine schweren Maschinen und Baumarkt-Materialien, um sich kreativ ausleben zu können. Vielleicht brauchen sie nichts weiter als ihre Vorstellungskraft und deswegen ist die Schöpfung weiblicher Kreativität auf den ersten Blick stiller und weniger präsent. 

„…männlich ist die hervorbringende Kraft, das Gestalten und Formgeben; das Ausfüllen und Beseelen des Bildes ist weiblich: Männlich ist das Architektonische und Plastische, weiblich das Malerische und Musikalische, und innerhalb dieser Künste ist männlich wieder das Konstruktive, weiblich das Dekorative.“

Ricarda Huch, „Die Beurteilung der Frauendichtung“

Vielleicht brauchen Männer einfach mehr Raum, um sich kreativ ausleben zu können. Das Erschaffene muss greifbar sein, etwas Handfestes zum Anfassen, während die Kreativität der Frauen mehr in Gedankengängen und -prozessen auffindbar ist. Das soll jetzt nicht bedeuten, dass im Allgemeinen Männer nicht auch mental-gedanklich und Frauen nicht auch physisch-körperlich kreativ sein können, sondern bloß, dass dies eventuell auf den Großteil der jeweiligen Geschlechter zutrifft.

Aber sind Frauen tatsächlich nur anders kreativ oder ist das ganze Minderheitsding vielleicht einfach nur auf einen langen, noch immer andauernden Prozess zurückzuführen? Ich spreche von Gleichberechtigung. Betrachtet man das Ganze mit Blick auf die Rollenbilder von Mann und Frau über die Jahre, dann könnte genau hier der Ursprung liegen. Anders als Frauen, werden Männer eher als selbstbewusste Führungskräfte wahrgenommen. Schon alleine deswegen werden die Ideen der Männer als durchdachter bewertet. Aber nur, weil die Rolle der Männer lange Zeit so eingefahren war, bedeutet das doch nicht, dass sie auch kompetenter sind.

Vielleicht gibt es in so vielen Bereichen mehr Präsenz von männlicher Seite, weil sich Frauen so lange Zeit in einer unterdrückten Rolle befanden, während Männer eher die Führung übernahmen und das Sagen hatten. Vielleicht haben Frauen deshalb ihre eigenen Einfälle eher für sich behalten, statt ihre Kreativität frei auszuleben. Vielleicht war kein Platz für die eigenen Ideen, weil sie sich lange an das gehalten haben, was von den Männern vorgeschrieben war. Vielleicht sind Frauen immer in den bereits vorhandenen Strukturen geblieben, weil nicht genug Freiraum zum selbst aktiv werden da war. Aber genau das braucht Kreativität: Freiraum. Heutzutage sollte es eigentlich möglich sein, sich von veralteten Stereotypen zu lösen und jedem den nötigen Freiraum zu lassen, sich selbst zu bestimmen. Vielleicht muss genau an diesem Punkt angesetzt und weitergearbeitet werden, damit in den Konzerthallen und Museen nicht mehr mehrheitlich die Schöpfungen der Männer gefeiert werden. Damit irgendwann Gleichgewicht hergestellt ist.

Ganz gewiss kann es die verschiedensten Gründe haben, warum es bereits früher meist die kreativen Leistungen der Männer waren, die Anerkennung bekamen. Ich allerdings denke nicht, dass Frauen weniger kreativ sind als Männer. Wenn es darum geht kreativ zu sein, ist es vollkommen unwichtig welches Geschlecht jemand hat. Es geht darum sich offen und neugierig neuen Herausforderungen zu stellen, zukunftsorientiert zu sein und dabei seiner Vorstellungskraft freien Lauf zu lassen.


Titelbild: Laura-Marie Buxmann

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