Interview: Kreativität im Kleinkindalter

Interview: Kreativität im Kleinkindalter

Seit August 2017 ist Marita B. Erzieherin in der Waldorfkrippe „Wolkenstübchen“. Kreativität ist für die 31-Jährige das gesamte Leben und dementsprechend wichtig. Auch die Kinder in der Krippe werden kreativ gefördert. Inwiefern die Kinder im Alter von einem bis drei Jahren bereits ihre Kreativität entfalten und, ob es Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen gibt, erzählt sie in folgendem Gespräch. 


Du arbeitest in einer Waldorfkrippe. Welche Ausbildung hast du?
Ich habe eine Ausbildung zur staatlich anerkannten Waldorferzieherin. In der Ausbildung gab es verschiedene Epochen mit unterschiedlichen Themenbereichen. Da haben wir die gesamte Entwicklung des Kindes durchgenommen – von null bis zum jugendlichen Alter. Tatsächlich war es eher Zufall, dass ich meinen jetzigen Job bekommen habe. Ich hatte mich eigentlich bei einem Kindergarten beworben und bin dann in der Krippe gelandet. Aber hier gefällt es mir sehr gut.

War Kreativität ein Teil deiner Ausbildung? Und wenn ja, inwiefern?
Ja, Kreativität war ein ganz großer Teil meiner Ausbildung. Wir hatten Kunst und im Rahmen dessen sogar eine Kunstreise nach Florenz. Zudem mussten wir viel zeichnen und werken. Ich habe beispielsweise einen Hocker gebaut und eine Kinderleier. Außerdem hatten wir ganz viel Handarbeit. Zwischendurch mussten wir Hausaufgaben beziehungsweise Hausarbeiten machen und diese kreativ umsetzen. Beispielsweise haben wir Plakate für Elternabende gestaltet.

Kreativitätsförderung in der Krippe

Was wird in der Waldorfkrippe speziell getan, um die Kreativität der Kinder gezielt zu fördern? Vor allem, weil die Kinder in der Krippe noch sehr jung sind?
Wir fördern die Kreativität der Kinder in erster Linie durch freies Spielen. Unter anderem haben wir Spielmaterialien, die nicht vorgefertigt sind – zum Beispiel Holzklötzchen, Bausteine aus Kork, Tücher oder gehäkelte Bänder. Diese Materialien lassen sich zu allem möglichen umfunktionieren und dadurch wird die Kreativität der Kinder gefordert und gefördert. Außerdem haben wir Wachsblöckchen, damit malen die Kinder auch manchmal. Aber das kommt nur ganz selten vor. In dem jungen Alter kommt der Wunsch zu malen noch nicht von dem Kind selber. Dafür probieren die Kinder viel aus – durch sehen, fühlen und schmecken. Das bedeutet auch, dass sie regelmäßig Sand essen, um anschließend festzustellen, dass es ihnen nicht schmeckt.

Unterscheiden sich Mädchen und Jungen in Bezug auf ihre persönlichen Vorlieben? Beispielsweise, dass die Jungen lieber mit Bauklötzen und die Mädchen lieber mit den Tüchern spielen?
Ja, ich beobachte schon, dass die Jungs eher mit Autos und Mädchen tatsächlich öfter mit der Puppenküche oder den Puppen spielen.

Glaubst du, das liegt an der Gesellschaft oder kommt dieses Verhalten vom Kind?
Das ist eine sehr gute Frage. Ich habe meine Facharbeit über die Waldorf-Puppe geschrieben. Da habe ich mich auch mit der Thematik beschäftigt, ob es zwischen Mädchen und Jugend einen Unterschied gibt. Ich glaube tatsächlich, dass es so etwas Mütterliches ist, was Mädchen angeboren ist. Daher neigen sie dazu, mit Puppen zu spielen und sich um diese zu sorgen. Aber dieses Verhalten hat auch viel damit zu tun, was die Eltern vorgeben. Das fängt mit der Kleidung an – einige Mädchen in der Krippe sind beispielsweise ganz in rosa angezogen und manche Jungs kommen in T-Shirts mit aufgedruckten Autos. 

Fotoquelle: Marita B.

Denkst du nicht, da ist eine Neugier im Kind auch mal mit dem „geschlechts-untypischen“ Spielzeug zu spielen?
Ich weiß es nicht genau. Aber natürlich spielen die Kinder auch mal mit „geschlechts-untypischem“ Spielzeug. Das ist in der Krippe echt schwierig zu trennen, da die Kinder wirklich noch jung sind. Aber tendenziell spielen die zwei- bis dreijährigen Mädchen eher mit Puppen und die gleichaltrigen Jungs mit den Autos.  

Wie unterscheidet sich die Kreativitätsförderung zwischen Jungen und Mädchen in der Waldorfkrippe? 
Wir machen da keinen Unterschied, wir behandeln alle Kinder gleich, alle dürfen mit denselben Sachen spielen. Wir setzen keine Grenzen, sondern lassen die Kinder ihre Kreativität frei entfalten.
Das ist, glaube ich, in vielen Kindergärten anders. Da bekommen die Jungs eher weniger die Puppen. Das geht aber auch viel von zu Hause aus: „Jungs sollen nicht mit Puppen spielen, sondern mit dem Bagger.“ Wir geben das gar nicht vor. Außerdem haben wir eine kleine Werkbank in der Krippe. Da sägen auch die Mädchen. 

Die Kinder sägen im Alter von drei Jahren?
Ja. Sie dürfen ein kleines Schiff bauen, bevor sie in den Kindergarten wechseln. Und dann sägen sie da, ich helfe natürlich mit.

Haben die Kinder die Möglichkeit sich in eurer Einrichtung selbstständig kreativ zu beschäftigen? 
Ja, die Kinder haben jederzeit Zugang zu den Spielmaterialien. Außerdem gehen wir immer raus, das gehört zum Tagesablauf. Wir haben einen Garten, der noch überhaupt nicht fertig ist. Bis vor kurzem war da eine Matschgrube und ein Matschhügel, jetzt haben wir auch Sand. Auch im Garten spielen die Kinder ganz frei. Wir haben Sandspielzeug, Schaufeln, Eimer und Siebe, alte Töpfe und Schubkarren. Die Jungs sitzen immer auf dem Hügel und buddeln irgendetwas aus, meistens Regenwürmer, und arbeiten dort. Die Mädchen sind eher im Sandkasten.

Fotoquelle: Marita B.

Was würdest du sagen: Wie wichtig ist Kreativität für Kinder? 

Ich finde, Kreativität ist für Kinder sehr wichtig, damit sie Fantasie entwickeln können. Man braucht Kreativität im Leben, es bringt einen häufig weiter. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man unkreativ ist.

Marita B.

Was ist Kreativität für dich persönlich? 
Das ist eine sehr schwierige Frage. Kreativität ist für mich irgendwie das ganze Leben. Wenn man kocht, eine Wohnung einrichtet, sich anzieht – einfach alles.

Wer ist kreativer? Mädchen oder Jungen, Waldorf oder nicht?

Wer ist deiner Meinung nach kreativer: Mädchen oder Jungen? 
Ich kann nicht beantworten, ob es da einen Unterschied gibt. Manche Mädchen sind sehr kreativ, aber manche Jungen eben auch. Das kann ich nicht auf das Geschlecht beziehen. 

Würdest du sagen, dass Waldorf-Kinder kreativer sind? 
Ich würde nicht unbedingt sagen, dass Waldorf-Kinder kreativer sind als andere Kinder. Aber Waldorf-Kinder können es im Kindergarten oder in der Schule mehr ausleben, eben durch das freie Spielen. Aber auch, weil sie im Unterricht zum Beispiel ganz viel Singen, Tanzen oder Werken haben. So etwas gibt es an anderen Schulen nicht oder wird nicht so hoch gewertet. Kreative Fächer sind dort Nebenfächer, wobei sie an Waldorf-Schulen Hauptfächer sind. Ich finde, dieses Prinzip sollte mehr verbreitet werden.

2 Gedanken zu “Interview: Kreativität im Kleinkindalter

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