Kindergarten: „Reglementierungen sind der Tod von Kreativität“

Kindergarten: „Reglementierungen sind der Tod von Kreativität“

Interviewserie: Kreativitätsförderung von Kindern

Kinder sind neugierig, lieben die Herausforderung, wollen die Welt entdecken und fragen ihren Eltern ein Loch in den Bauch: sie sind unsere Zukunft und Kreativität ist eine Schlüsselqualifikation für die Zukunft. Jedes Kind verfügt von Geburt an über kreative Potenziale. Wichtig ist es, einen Rahmen zu schaffen, indem sich Kinder kreativ entfalten können. Freiheit, Zeit und Ermutigung spielen hier eine große Rolle. Aber wie werden Kinder eigentlich in ihrer Kreativität gefördert? Dieser Frage wollen wir mit unserer Interviewreihe „Kreativitätsförderung bei Kindern“ auf den Grund gehen. Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, haben wir mit einer Person aus der Kindertagespflege, einer Kindertagesstätte, einem Waldorfhort, einer Grundschule und einer Förderschule gesprochen.

Christiane Dudek erzählt, welche Rolle Kreativitätsförderung im Kindergarten spielt und erinnert sich an ihre Ausbildungszeit zurück, in der Kreativität noch eine etwas andere Bedeutung hatte.


Christiane Dudek (57) ist verheiratet und hat zwei Kinder. Seit 38 Jahren arbeitet sie als Erzieherin und seit 23 Jahren ist sie die Leitung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Kita Villa Kunterbunt in Roßdorf. Mittlerweile ist sie als freigestellte Leitung in der Villa Kunterbunt beschäftigt und arbeitet nicht mehr aktiv im Gruppendienst.

Inwiefern hast du in der Ausbildung zur Erzieherin etwas über Kreativität gelernt?

1981 habe ich die Erzieherausbildung beendet, damals war die Ausbildung noch nicht so umfangreich wie heute. Ich erinnere mich an ein paar kreative Bereiche in der Ausbildung, wie zum Beispiel kreatives Gestalten. Alles war sehr erwachsenenzentriert und weniger auf die kindlichen Bedürfnisse ausgelegt. Wir haben keine Kinderlieder oder Fingerspiele gelernt, heute ist das anders. Ich erinnere mich außerdem an ein größeres Projekt, das wir damals auch vorstellen mussten. Es gab ein Projektthema und dann wurde mit den Kindern dazu gebastelt, gelesen und gespielt – das hatte sehr viel mit Kreativität zu tun. Mit den Kindern wird weniger theoretisch gearbeitet, wir lernen in der Ausbildung die didaktische Anwendung. Deshalb ist es sehr wichtig kreativ zu sein und zu überlegen, wie Themen gestaltet und in der Praxis umgesetzt werden können.

Wie wurdest du in der Ausbildung auf die Kreativitätsförderung vorbereitet?

Generell beinhaltete die Ausbildung die Entwicklungspsychologie.  Den Kindern wurden Dinge beigebracht, die zur damaligen Zeit wichtig waren. Bei der Frage wie und was vermittelt werden sollte, gehörte der Bereich Kreativität natürlich dazu. Damals war es nur so, dass die Schwerpunkte nicht so frei kreativ gefördert wurden wie heute. Es gab mehr angeleitete Sachen wie vorgefertigtes Ausschneiden oder Basteln nach Schablonen, was heute zum Beispiel überhaupt nicht mehr gemacht wird. Dieses freie Gestalten und Ausprobieren hatte sich erst später entwickelt. Kreativität war schon damals ein großer Schwerpunkt, der den Kindern die Möglichkeit gab, sich auszuprobieren, Fingerfertigkeiten zu üben und zu erlernen. In den Achtzigerjahren wurde vieles gemeinsam gemacht, weil man nicht so differenziert arbeiten konnte. Am Ende meiner Ausbildung war ich alleine in der Gruppe mit fünfundzwanzig dreijährigen Kindern und da konnte ich nicht jedes Kind frei entscheiden lassen, ich musste die Kinder immer zu einer Gruppe zusammenfassen. Dann war es so, dass immer ganz viele Kinder an einem Tisch gesessen haben und wir gemeinsam gebastelt haben. Zu dem damaligen Zeitpunkt gab es noch keine Doppelbesetzung in den Gruppen, die Erziehenden mussten anders arbeiten, um fünfundzwanzig Kinder zu fördern. Da war Kreativität in diesem freien Sinne schwierig. Was kreativ gefördert wurde, war das freie Spielen, die Kinder hatten mehr Zeit sich auszuprobieren weil alles noch nicht so reglementiert war wie heute. 

Was macht die Einrichtung, um die Kreativität der Kinder zu fördern?

Unsere Einrichtung lässt den Kindern viel Spielraum. Für Basteln und freies Spielen bieten wir Materialien an und die Kinder haben eine große Bastelecke, in der sie sich ausprobieren können. Kinder können aber nur das tun, was sie kennen und deshalb ist es für uns als Erziehende immer wichtig, Impulse zu setzen und zu zeigen, was man alles tun kann. Natürlich ist es auch ein Auftrag von uns den Kindern nahe zu bringen, wie sie eine Schere halten müssen oder wie sie mit einem Hammer umgehen sollen. Ganz wichtig ist aber, dass die Kinder so wenig wie möglich mit Schablonen arbeiten. Kinder sollen lernen mit den Materialien und dem Werkzeug umzugehen, um sich dann frei entfalten zu können. Ein Kind bei uns hat zum Beispiel sehr gerne Dinos gemalt, also haben wir seine Bilder hier in der Einrichtung ausgestellt. Das Kind hatte so viel Spaß daran und war so kreativ, dass er automatisch auch die anderen Kinder damit angesteckt hat. Genau das aufzugreifen und mit den Kindern weiterzuentwickeln, ist die größte und beste Form Kreativität zu entwickeln und zu fördern. Außerdem arbeiten wir viel mit Farben und die Kinder dürfen auch einfach mal nur schmieren um sich auszuprobieren. Dafür werden großflächige Papiere auf den Boden gelegt, dann können sie mit Wasserfarben einfach loslegen und kreativ werden. Unsere Aufgabe ist es, den Kinder sowas zu ermöglichen, denn diese Materialien können sie sich nicht einfach aus dem Schrank holen.

Inwieweit unterscheidet sich die Förderung von Kreativität zwischen Jungen und Mädchen in der Einrichtung?

Die Förderung unterscheidet sich auf gar keinen Fall, es gibt einfach Interessensunterschiede. Ich hatte bereits von dem Jungen erzählt, der so gerne Dinos gemalt hat. Das ist nicht unbedingt die Welt der Mädchen. 

Unterscheiden sich Mädchen und Jungen in Bezug auf ihre persönlichen kreativen Vorlieben?

Natürlich gibt es auch Schnittpunkte, aber Jungen und Mädchen sind auch ein bisschen vorgeprägt in ihrer Erlebenswelt oder Erziehung und basteln und malen in verschiedenen Bereichen. Wir haben im Flur eine Bauecke mit großen Bausteinen, da sind überwiegend die Jungs und bauen große Türme. Die Mädchen suchen sich die Verkleidungsecke. Die Kinder sortieren sich einfach von sich aus. Das Klischee von Jungen und Mädchen wird schon vorgelebt. Ein Kollege hat zum Beispiel gerade angefangen aus Eierkartons etwas zu basteln, das gefällt den Jungen total und sie basteln Feuerwehrautos und werden richtig kreativ. Die Mädchen sind eher zurückhaltender und nehmen das nicht so an. Aber es ist natürlich auch immer die Frage, was die Kinder genau in diesem Moment anspricht. Die Angebote werden geschaffen und die Kinder entscheiden dann, ob sie sich anschließen wollen oder nicht. Es ist wie ein innerer Motor, welcher bei den Jungen ein anderer ist als bei den Mädchen. Wenn man einen Versuch machen würde, mit malen auf der einen und werkeln auf der anderen Seite, dann würden die meisten Mädchen malen gehen und die Jungen werkeln. Das Klischee ist einfach da.

Haben die Kinder die Möglichkeit sich in der Einrichtung selbstständig zu beschäftigen und wenn ja, wie?

In jedem der fünf Gruppenräume sind fünfundzwanzig Kinder zwischen drei und sechs Jahren und in jedem Raum haben wir einen Kreativbereich. Das heißt, es gibt einen Tisch, an dem die Kinder malen können mit Stiften, Papier, Schwere, Kleber und anderen Materialien und die Kinder haben zu jedem Zeitpunkt die Möglichkeit, zu basteln. Wenn genügend Erziehende verfügbar sind, gibt es auch Angebote, zu denen die Kinder immer dazukommen können. Auch Freispielphasen nach dem Frühstück haben die Kinder täglich. Meistens gehen sie erst in den Garten, um sich auszutoben und danach haben sie die Möglichkeit, sich im ganzen Haus frei zu bewegen. 

Welches Geschlecht zeigt im Alltag generell größeres Interesse an kreativen Beschäftigungen?

Das lässt sich nicht unterscheiden, weil Kinder in ihrem Bereich eine eigene Kreativität besitzen und jedes Kind in seinem Bereich seine Kreativität auslebt. Jungs genauso wie Mädchen – egal ob es um Malen, Basteln oder Bauen geht, sie sind alle kreativ. 

Was ist Kreativität für dich?

Für mich ist Kreativität die Möglichkeit, frei handeln zu können und nicht so eingeschränkt und reglementiert zu sein. Im Alltag ist man das sowieso schon genug. Auch im Erzieherberuf gibt es immer mehr zu beachten und es kann nicht mehr so frei und kreativ gestaltet werden. Früher zum Beispiel waren die Kindergartenfeste und Veranstaltungen ganz locker und wir konnten Ideen frei umsetzen. Heute wird man reglementiert und muss immer aufpassen und irgendwas berücksichtigen, für alles wird ein Einverständnis gebraucht und Unterschriften oder es gibt ein neues Gesetz. Ich finde das ist der Tod der Kreativität weil nichts mehr frei gestaltet werden kann. 

Wer ist kreativer, Mädchen oder Jungen?

Ich würde sagen, dass Mädchen ein bisschen kreativer sind als Jungen, weil sie oft sehr  kreativ spielen können. Jungen können das in ihrer Art schon auch aber anders, sie ahmen viel nach. Es gibt für mich aber keinen signifikanten Unterschied weil Jungen eben anders kreativ sind. Kreativität kann man schließlich nicht messen.

Wie wichtig ist der Kindergarten, gerade auch in Hinblick auf die Kreativitätsentwicklung des Kindes?

Kindergärten sind sehr wichtige Institutionen, damit die Kinder lernen in einer Gemeinschaft agieren zu können. In einem Kindergarten ist natürlich auch Kreativität gefragt, auch in der Form eine kreative Ader zu entwickeln, wie man sich durchsetzen und behaupten kann. 

Jedes Kind ist ein eigenes Individuum  und bringt Stärken und Schwächen mit und es gibt Dinge, die man von anderen Kindern lernen oder übernehmen kann. Kinder können auch voneinander profitieren und hier ist die Kreativität gefragt. Zuhause passiert das nur wenig. Es gibt natürlich Möglichkeiten, aber die Vielfalt kann nur eine Institution wie Kindergarten, Krippe oder Schule bieten. Ich finde es vor allem für die heutige Gesellschaft wichtig, dass Kinder lernen tolerant und demokratisch zu sein und das lernen sie am besten in solchen Institutionen. Zum Beispiel können Kinder bei uns im Morgenkreis Ideen einbringen und es kann darüber abgestimmt werden. Wenn ein Kind mit seiner Idee bei der Abstimmung verliert, dann entsteht erstmal Frustration aber dann auch Motivation kreativ nachzudenken. Ich habe schon oft erlebt, dass die Kinder danach sehr enttäuscht waren, dann haben wir gemeinsam überlegt, wie es beim nächsten Mal besser klappt.


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