Waldorfhort: „Kreativität ist eine super Möglichkeit, sich auszudrücken“

Waldorfhort: „Kreativität ist eine super Möglichkeit, sich auszudrücken“

Interviewserie: Kreativitätsförderung von Kindern

Kinder sind neugierig, lieben die Herausforderung, wollen die Welt entdecken und fragen ihren Eltern ein Loch in den Bauch: sie sind unsere Zukunft und Kreativität ist eine Schlüsselqualifikation für die Zukunft. Jedes Kind verfügt von Geburt an über kreative Potenziale. Wichtig ist es, einen Rahmen zu schaffen, indem sich Kinder kreativ entfalten können. Freiheit, Zeit und Ermutigung spielen hier eine große Rolle. Aber wie werden Kinder eigentlich in ihrer Kreativität gefördert? Dieser Frage wollen wir mit unserer Interviewreihe „Kreativitätsförderung bei Kindern“ auf den Grund gehen. Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, haben wir mit einer Person aus der Kindertagespflege, einer Kindertagesstätte, einem Waldorfhort, einer Grundschule und einer Förderschule gesprochen.

Namen tanzen als Unterrichtsfach – Damit wird Waldorf meistens in Verbindung gebracht. Eine Werkstudentin eines Waldorfhorts klärt uns über dieses Klischee auf und beschreibt ihre eigenen Erfahrungen mit der Kreativitätsförderung von Kindern. 


Anna (24) studiert soziale Arbeit, nebenbei ist sie in der nachmittäglichen Kinderbetreuung tätig. Nach ihrer Zeit in einer einer Tagesgruppe, einer gesetzlich geforderten Hilfe zur Erziehung, arbeitet sie nun seit Anfang des Jahres als Werkstudentin in einem Waldorfhort. Die privat geförderte Einrichtung knüpft direkt an die Waldorfgrundschule an, somit betreut Anna Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren. Die Kreativität spielt in der Waldorfpädagogik bekanntermaßen eine große Rolle. Ich habe mit Anna gesprochen um herauszufinden, inwiefern Waldorf-Kinder sich von anderen Gleichaltrigen unterscheiden und ob sie tatsächlich kreativ mehr gefördert werden. 

Inwiefern hast du in deinem Studium etwas über Kreativität gelernt? 

In der Uni haben wir bereits im ersten Semester „Ästhetisches Arbeiten“ gemacht, da musste sich der ganze Jahrgang der Erstsemester in verschiedenen Kurse einwählen und dort dann kreative Projekte zum Thema Nähe und Distanz ausarbeiten. Ich war damals im Kurs der „Live-Performance“, wo wir über drei Tage hinweg eine Performance ausgearbeitet und anschließend aufgeführt haben. 

Generell gibt es viele Möglichkeiten im Studium der Sozialen Arbeit etwas über Kreativität zu lernen. Man kann auch seinen Schwerpunkt auf den Fachbereich Kultur und Medien legen. Ich persönliche habe mich im Studium aber über die „Live-Performance“ hinaus nicht weiter mit kreativen Medien oder kreativen Formen des Arbeitens beschäftigt. 

Inwiefern wurdest du im Studium oder in deiner Arbeit als Werkstudentin auf die Kreativitätsförderung vorbereitet? 

Wie gesagt: In der Uni wäre das Angebot da gewesen, ich habe es aber nicht genutzt. Die didaktischen Mittel werden dir da nicht zwangsweise an die Hand gegeben. 

Wenn man dann aber in der Kinder- und Jugendhilfe arbeitet, ist Kreativität unumgänglich. Anfangs war ich damit auch ein bisschen überfordert, da ich mir nicht einfach irgendeine Bastelidee aus dem Ärmel schütteln konnte, da musste ich dann selbst erst einmal lange googeln, bevor ich etwas Passendes für die Kinder gefunden habe. 
Seit ich im Waldorfhort arbeite, werde ich auf jeden Fall noch viel mehr herausgefordert, da die Kinder schon super viel kreatives Know-How haben. Das war dann eine Art Learning by Doing, da habe ich dann auch eigene Grenzen überwunden. Zum Beispiel indem ich auch mal mit bastele oder male, anstatt das Ganze immer nur anzuleiten. 

Was wird im Waldorfhort speziell getan, um die Kreativität der Kinder gezielt zu fördern? Gibt es bestimmte Rituale, Spiele oder Hilfsmittel? 

Der Waldorfhort knüpft eigentlich an die Waldorf-Pädagogik der Schule an, wo schon der größte Teil geleistet wird. Die Kinder haben in der Schule ganz viele Bau- und Bastelprojekte oder auch Handarbeit als festen Unterrichtsbestandteil. 

Im Hort haben wir beispielsweise ein Klavier stehen, um auch die musikalische Kreativität weiter zu fördern – die meisten Waldorfkinder spielen ohnehin schon drei oder mehr Instrumente. Außerdem haben wir ganz viele Bastelutensilien wie Schnitzmesser, Specksteine oder Wolle zum Stricken und Filzen.

Bei uns ist es dann aber eher so, dass wir darauf warten, dass die Kinder Lust haben was zu machen und wir ihnen eben dann die Dinge anbieten. Aber wir sagen nie verpflichtend: „Hey, heute wird jetzt mit Speckstein gearbeitet“. 

Wie unterscheidet sich die Kreativitätsförderung zwischen Jungen und Mädchen im Waldorfhort? 

Von Erzieherseite würde ich sagen, das ist eher geschlechterunabhängig. Das ist ja auch etwas, was die Schule versucht zu vermitteln: dass Handarbeit nicht bloß reine Mädchensache ist. Es gibt auch viele Jungs bei uns, die beispielsweise super gut häkeln können, die machen dann halt zum Beispiel Ballnetze für ihre Fußbälle. Aber wenn ich jetzt gezielt anbiete etwas zu basteln, sind es doch eher die Mädchen, die darauf anspringen. 

Unterscheiden sich Mädchen und Jungen in Bezug auf ihre persönlichen kreativen Vorlieben? 

Ich würde sagen, dass alle Kinder bei uns im Hort ziemlich kreativ sind. Es unterscheidet sich aber in der Ausdrucksform. Wenn es um das Theater geht, ums Singen und Performen, dann haben da alle Kinder Lust drauf. Wenn es aber eher um gestalterische Sachen geht, bei denen man zur Ruhe kommt, sich hinsetzt und Feinarbeiten ausführt, sind es doch eher die Mädchen, die da dabei sind. Den Jungs muss man da eher ein gezieltes Angebot machen, was zu deren Interessen passt. Die sind sehr fixiert aufs Rausgehen, sich bewegen, auf Ballsportarten. Wenn man diese Interessen aber kreativ kombinieren kann, sind die Jungs auf jeden Fall auch dabei. 

Haben die Kinder, die Möglichkeit sich in deiner Einrichtung selbstständig kreativ zu beschäftigen? Wenn ja, wie? 

Die Kinder können da ganz klar artikulieren: Ich möchte jetzt was basteln, was malen oder Klavier spielen. Manchmal gehen die Kinder auch alleine an die Schränke, da muss man dann aufpassen, dass man das eher anleitet, sonst wird meistens nicht viel daraus und es ist schnell etwas Anderes interessant. 

„Kreativität gibt den Kindern das Gefühl, etwas mit ihren eigenen Händen erschaffen zu haben.“

Anna, Werkstudentin in einem Waldorfhort

Wie wichtig ist Kreativität für Kinder? 

Super wichtig. Kreativität ist etwas, was Kindern Ausdruck verleiht. Kinder können manchmal nicht ganz klar artikulieren was sie fühlen, denken oder wollen, da ist Kreativität eine super Möglichkeit, etwas zu gestalten und sich darin auszudrücken. Es gibt keine Grenzen, es steht kein Zwang oder Druck dahinter. Das ist eine super Beschäftigung und es gibt den Kindern auch das Gefühl, etwas mit ihren eigenen Händen erschaffen zu haben –  somit erleben sie dadurch auch Erfolgserlebnisse. 

Und was ist Kreativität für dich persönlich? 

Inhalte anders zu verpacken. Kreativität ist für mich eher so ein Bewusstseinszustand, bei dem man sich einem Thema anders als gewohnt nähert. Einfach etwas zu machen und total abzuschalten, ohne dabei irgendwie aufs Handy zu gucken, einfach nur bei sich selbst zu sein – das ist Kreativität für mich. 

Wer ist deiner Meinung nach kreativer: Mädchen oder Jungen? 

Da würde ich keine klare Antwort geben wollen. Ich finde, es ist in unserer Gesellschaft sowieso schon angelegt, dass Mädchen es einfacher haben als kreativ erkannt zu werden, obwohl Jungs es auch gleichermaßen sind. Mädchen werden eher so sozialisiert, dass man sich gut vorstellen kann: „Hey, du malst oder strickst doch bestimmt gerne“ und bei den Jungen wird dann oft gesagt: „Das passt doch gar nicht zu dir, geh doch mal lieber raus und spiel Fußball“. 

Man muss einfach schauen, dass man die Kinder da interessenorientiert an die Kreativität heranführt. Man sollte nicht sagen: „Wir bieten für die Jungs das an, und für die Mädchen das“, denn grundsätzlich sind alle Kinder erst einmal kreativ. Das liegt in deren Natur, dass sie entdecken wollen, dass sie die Umwelt anders erfahren als Erwachsene es tun und deshalb auch einfach das Talent haben etwas zu gestalten.  

Waldorfpädagogik, ist das eigentlich mehr als nur den eigenen Namen tanzen? 

Da würde ich gerne kurz das Lied „Waldorf 100“ zitieren: 66 Nations, one school and one world, Waldorf 100, look at the world – Ich tanz nicht meinen Namen, ich tanz Eurythmie – Das stärkt mein Bewusstsein und Körpergefühl. 

Die Grundannahme der Waldorf-Pädagogik ist es, dass versucht wird, ein Mensch ganzeinheitlich zu sehen. Das ist auch der Grund, warum beispielsweise keine Noten vergeben werden. Es gibt nicht diesen Anspruch, dass ein Kind bis zu einem bestimmten Alter lesen oder schreiben kann. Jedes Kind macht das in seinem eigenen Tempo. 

Es wird auch fächerübergreifend gelernt. Sie haben zum Beispiel das Thema „Landwirtschaft“ und dazu gibt es dann viele unterschiedliche Inhalte die gelehrt werden. Dadurch soll mehr das natürliche Interesse der Kinder aufgegriffen werden. 
Wenn man sich zum Beispiel die Schulhefte der Waldorfkinder anschaut, dann sind das Blanko-Hefte, in denen sich die Kinder selbst ihre Linien gezogen haben, wie sie sie brauchen. Generell wird alles in bunt geschrieben und sie haben die Freiheit, ihre Hefte persönlich zu gestalten. Es ist einfach ein anderer Ansatz da, um die Kinder mehr zur Kreativität und eigenen Persönlichkeitsentwicklung hin zu erziehen. 

„Waldorf-Kinder haben da wahrscheinlich eher die Expertise und die Selbstsicherheit, Dinge selbst und alleine zu machen.“

Würdest du sagen das Waldorf-Kinder kreativer sind? 

Ich würde sagen sie erfahren mehr kreative Förderung in der Schule. Ich glaube auch, dass Waldorf-Kinder die Umwelt um sich herum mit anderen Augen wahrnehmen. Sie sind vielleicht auch nicht ganz so abhängig von elektronischen Unterhaltungsmedien, weil sie eher gelernt haben, die Dinge selbst zu machen. Im Hort habe ich zum Beispiel einmal beobachtet, dass sich zwei Mädchen Seile ausgeliehen haben und dann daraus ihre eigene Schaukel gebastelt haben. Zu der Zeit hatten sie gerade die „Lehre von verschiedenen Knotentechniken“ in der Schule – das heißt: Die Mädchen hatten keine Schaukel, wollten aber schaukeln, also haben sie sich einfach selbst eine geknüpft, weil sie wussten wie es geht. Waldorf-Kinder haben da wahrscheinlich eher die Expertise und die Selbstsicherheit, Dinge selbst und alleine zu machen. 


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