Kreativ werden als Spieleentwickler: Ein klassischer Männerberuf?

Kreativ werden als Spieleentwickler: Ein klassischer Männerberuf?

Wenn Kreativität auf Technologie trifft: Ob beim Designen der Spielwelt, dem Erstellen von Rätseln, beim Charakterdesign oder auch beim Schreiben der Geschichte – die Gaming-Branche ist mehr als nur das Zusammenbasteln eines Codes.

Der Beruf des Spieleentwicklers erfordert nicht nur technisches Know-How, sondern auch eine ordentliche Portion an Kreativität. Hinter den meisten Spielen steckt eine interaktive Welt, die mit einer Sprache, NPCs (Non-Player-Charakter) und deren Geschichte glaubwürdig und lebendig erscheint. Der Spieler hat dabei die Chance diese Welt während des Spielens mitzugestalten. Eine Studie von Bitkom aus dem Jahr 2019 zeigt, dass inzwischen fast 41 % aller Gamer weiblich sind. Obwohl immer mehr Frauen Gaming für sich entdecken, gilt der Beruf des Spieleentwicklers immer noch als klassischer Männerberuf.

Joana Almeida ist nicht nur Technical Artist bei Ubisoft, sondern auch Teil von FemDevsMeetup, einer Organisation, die sich für Frauen in der Spieleentwicklung einsetzt. Zusammen mit ihr wollen wir klären, wie es um den Beruf des Spieleentwicklers tatsächlich gestellt ist und wie viel Kreativität dieser Job erfordert.


Joana, du bist Technical Artist bei Ubisoft. Kannst du uns kurz erzählen, was genau du machst und was dir daran am besten gefällt?

 Als „Tech Artist“ bin ich die Schnittstelle zwischen den Programmierern und den Künstlern. Meine Tätigkeit kann von Projekt zu Projekt unterschiedlich sein. Momentan konzentriere ich mich stark darauf, unsere Technologie zu untersuchen und einen möglichst effizienten Einsatz zu erarbeiten. Deshalb beschäftige ich mich zurzeit auch viel mit VFX (Visuellen Effekten) oder UI Implementationen (dem Bauen von Menüs). Auch das Data Management ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Das ist auch das, was mir an meinem Job am besten gefällt. Es gibt immer etwas Neues zu tun und ich bin immer am Lernen. Mir wird eigentlich nie langweilig.

Kreativität und Spieleentwicklung – wie würdest du die beiden Begriffe in Verbindung bringen?

 Wenn ich von Kreativität spreche, möchte ich die klassische Definition etwas erweitern und einen Schritt weiterdenken. In der Spieleentwicklung ist Kreativität in jedem Bereich zu finden. Ich denke, bei den Artists und auch Designern ist es klar, dass sie viel Kreativität an den Tag legen müssen. Aber auch Programmierer müssen kreative Lösungen finden für das, was sie erreichen wollen. Programmierer versuchen durch Code, was einfach nur Text ist, eine ganze Welt zum Leben zu erwecken. Und das muss auch funktionieren, wenn der Spieler die skurrilsten Aktionen durchführt. Das alles muss funktionieren, ohne den PC oder die Konsole zu überlasten. Dafür wiederum gibt es die Tester, die kreativ werden müssen, um sich zu überlegen, was nun ein Endbenutzer alles eingeben und versuchen könnte.  Das sind jetzt natürlich nur die direkten Entwicklerteams. Zu den anderen Rollen in einem Studio kann ich leider nicht viel sagen, da ich ihre Arbeitsweise nicht kenne.

Wenn du schätzen müsstest: Arbeiten mehr Frauen oder mehr Männer als Entwickler?

Es gibt definitiv mehr Männer in der Videospielindustrie, doch das ändert sich langsam. Als ich angefangen habe, war ich in meinem Stockwerk die einzige Frau, aber inzwischen sind es rund 20 Prozent Frauen. Auf Industrie Events wird der Unterschied noch deutlicher.

Wie ist die Geschlechterverteilung bei euch im Team?

Generell sind Frauen und Männer in allen Rollen vertreten, auch wenn die Gewichtung oft nicht gleich ist. Bei den Programmierern sind zum Beispiel mehr Männer und bei den Artists ist das Verhältnis ausgeglichen.

Neben deiner Arbeit bei Ubisoft bist du außerdem noch Organisator bei #FemdevsMeetup. Ihr habt euch zum Ziel gesetzt, weibliche Entwickler miteinander in Verbindung zu bringen und mehr Frauen dazu zu motivieren in die Spieleentwicklungsbranche zu gehen. Wie stellt ihr das an?

Ich muss zugeben, man fühlt sich schon etwas einsam, wenn man ein paar Jahre als eine der wenigen Frauen im Team arbeitet. Irgendwann wollte ich auch mal andere Spieleentwicklerinnen kennenlernen. Das ist grob gesagt auch das, was wir erreichen wollen. Wir veranstalten die Treffen, bei denen wir Entwicklerinnen sehen können, dass wir gar nicht so alleine sind. Für die Zeit zwischen den Treffen haben wir einen Discord Server. (Discord ist eine Plattform, ähnlich wie Skype, mit einer Forums-Funktion, auf der wir untereinander in Kontakt bleiben können.) So funktioniert das Ganze deutschlandweit. Jeder braucht Vorbilder sowie das Gefühl, dass man selbst so ein Vorbild sein kann. Deshalb wollen wir möglichst jedes Mal eine Entwicklerin einladen, die von ihren Erfahrungen erzählen kann.

Foto: © Soumil Kumar@Pexels.com

Gesellschaftlich wird der Beruf des Spieleentwicklers immer noch als ein typischer Männerberuf angesehen. War das schon immer so?

 Das ist ein recht langes und komplexes Thema, in dem ich selbst nicht wirklich Experte bin. Nach dem, was ich gelesen habe, ist das darauf zurückzuführen, wie Informatikkurse und Videospiele vermarktet wurden. In den 70er Jahren z. B. war der Beruf noch nicht als Männerberuf oder -Hobby angesehen Tatsächlich war das Programmieren bis Mitte des 20. Jahrhunderts ein Frauen Beruf. Die Spieleindustrie hat über die Jahre viele Veränderungen und Krisen durchgemacht und sich neu erfunden. Da etwas mehr Jungs Interesse an Spielen zeigten, wurde der Fokus von Werbung und Spielen mehr auf Jungs ausgerichtet. Das führte dazu, dass mehr Jungs Interesse an Spielen aufbauten, was wiederum dazu führte, dass man sich noch mehr auf sie fokussierte.

Viermal im Jahr veranstaltet ihr Treffen, an denen Entwicklerinnen sich austauschen und an Workshops teilnehmen können. Kannst du uns etwas von deinen Erfahrungen der bisherigen Treffen erzählen?

Mich freut es, dass wir bei jedem Treffen neue Gesichter sehen und dass immer eine sehr angenehme Atmosphäre herrscht. Ich merke jedes Mal wieder, dass es doch mehr Frauen sind als gedacht. Leider ist es aber etwas schwer Studentinnen oder junge Entwicklerinnen zu erreichen, da sie oft das Gefühl haben nicht gut genug dafür zu sein. Auch ist es nicht immer leicht Redner für die Talks zu finden.
Beim letzten Treffen haben wir etwas Neues ausprobiert. Wir waren im Digital Retro Park in Offenbach, einem Museum für Computer und Spielekonsolen. Leider sind solche Ausflüge nur mit kleinen Gruppen realisierbar, aber sie sorgen für ganz andere Gesprächsthemen und machen eine Menge Spaß. Ich hoffe, dass wir in Zukunft noch mehr Ausflüge mit #FemDevsMeetup machen können.

Was macht deiner Meinung nach Kreativität aus?

Ich denke, Kreativität bedeutet, spielerisch einen Gedanken weit genug zu spinnen, bis etwas Konkretes und Handfestes dabei rauskommt. Kreativität bedeutet für mich, keine Angst zu haben, diesem wirren Gedankenfaden zu folgen und zu schauen, wohin er sich entwickelt.

Zu guter Letzt, was möchtest du denen, die das hier lesen und überlegen, in die Spieleentwicklungsbranche zu gehen, mit auf den Weg geben?  

Es gibt leider immer noch viele Probleme in der Spielebranche, aber es wird besser. Viele Studios setzen sich inzwischen mehr für Diversity und Inclusion in der Branche ein. Und auch wir versuchen diese Entwicklung zu unterstützen. Falls ihr Interesse daran habt, in die Spieleentwicklungsbranche einzusteigen, schaut euch unsere Meetups auf FemDevsMeetup.com an oder besucht unseren Discord Server zum direkten Austausch.


Headerbild: © geralt@Pixabay.com

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