Kreativität in Subkulturen – Ein Blick in die Arbeit als Tätowierer

Kreativität in Subkulturen – Ein Blick in die Arbeit als Tätowierer

Wenn Leute an kreative Menschen denken sollen, fallen ihnen als erstes Künstler ein. Darunter stellen sie sich Maler, Musiker, Erfinder vor. Doch die wenigsten denken an Tätowierer. Ich habe mich mit Sarah getroffen und mich mit ihr darüber unterhalten, warum das so ist, wie sich die Gesellschaft in Bezug auf Akzeptanz ändert und wie der Berufsalltag der 33-jährigen Darmstädterin aussieht.

Foto: Sarah Marquis (privat)

Wie bist du eigentlich zum tätowieren gekommen?

Durch eine Aneinanderreihung sehr glücklicher Umstände. Das ist quasi auf Abwegen passiert. Ich fands schon immer toll, habe mich dafür immer interessiert. Ich hatte selbst auch schon einige Tattoos und Piercings bevor ich angefangen habe zu tätowieren. Ich hätte mich allerdings nie getraut, einfach in einen Laden zu gehen und zu sagen: Hey hier bin ich – stellt mich bitte ein. Ich hab immer gedacht, ich bin nicht gut genug.
Damals mit Anfang 20 habe ich außerdem noch gedacht, ich muss was „richtiges“ machen. Studieren, einen ordentlichen Beruf lernen und außerdem kann man vom Tätowieren nicht leben. Man muss sich selbstständig machen, was ja gerade auch als Frau immer so eine Sache ist. Was machst du denn, wenn du mal ein Kind bekommst?

Wie definierst du persönlich Kreativität?

Kreativität bedeutet für mich nicht lange überlegen zu müssen, um ein Bild im Kopf zu haben, welches ich zu Papier bringen kann. Also von Gehirn zu Papier gleich Ideen haben!

Und würdest du dich selbst als kreativen Menschen beschreiben?

Bis zu einem gewissen Grad ja. Wenn es in einem bestimmten Bereich liegt, für den ich mich interessiere. Kommt ein Kunde rein und möchte ein Tattoo im Bereich Mandala, Blümchen oder Comic habe ich viele Ideen. Wenn das aber eher was Düsteres sein soll, so wie Totenköpfe oder ähnliches, fehlen mir oft Ideen. Da muss ich mir dann auch mal Input bei meinen Kollegen holen oder im Internet.

Bei Kreativität denken viele Menschen als Erstes an Künstler. Also Leute die etwas Besonderes machen oder eine bestimmte Sache besonders gut. Den meisten Leuten fallen als erstes Erfinder, Maler oder Musiker ein. Warum denkst du, sind Tattoo-Künstler nicht in den Köpfen der breiten Masse?

Zum einen sind wir ein Handwerksberuf und werden auch als solcher gehandelt. Wir sind zum Beispiel auch in keiner Künstlerversicherung. Und wir sind natürlich, auch wenn Tätowierungen seit den 90er Jahren ein ganz schöner Modeboom sind, gerade in der älteren Generation immer noch eine Subkultur und werden bei vielen Leuten vielleicht auch noch als „assi“ angesehen. Wir sind einfach nicht so hoch angesehen wie Akademiker zum Beispiel. (lacht)
Ich glaub, viele wissen einfach gar nicht wie viel hinter unserem Beruf wirklich steckt. Die meisten Leute denken einfach, wir malen irgendwas auf die Haut und sind nur ein Handwerk.

Tattoos waren früher glaub ich einfach dieses „Sex, Drugs, Rock’n’Roll-Ding“.

Bis vor 30 Jahren. Da war noch Pop-, Punkkultur. Aber das hat sich geändert. Ich mein, du musst im Sommer einfach mal durch die Stadt laufen und du siehst an fast jedem Herzchen oder Blümchen. An ganz zarten 18-Jährigen schon. Mittlerweile ist es wirklich Mode geworden. Zeig mir bitte mal jemanden, vor allem ein junges Mädchen, der*die keine Tätowierung haben. Es gehört fast schon zum guten Ton. Und genau als das wird es auch immer mehr angesehen. Mittlerweile sind auch Polizisten, Anwälte, Richter tätowiert.

Die meisten Menschen lassen sich heute tätowieren, weil es Mode ist?

Zum einen ja. Zum anderen ist es ja etwas, womit man sich selbst ausdrückt. Seine Gefühle, seine Geschichte, das Bild, das man nach außen ausstrahlen will. Es ist für viele total wichtig, wenn jemand stirbt oder jemand zur Welt kommt, das auf seiner Haut zu tragen und zeigen zu können. Oder eben einfach seinen Stil unterstreichen. Seine Punk-Klamotten zum Beispiel noch mit 5 Totenköpfen auf der Haut verzieren. Es sind total viele verschiedene Dinge, die zum Ausdruck gebracht werden.

Mein Freund sagt immer zu mir: „Du kannst auch nackt irgendwo hingehen, du siehst immer cool aus! Du siehst immer gut gekleidet aus.“

– Sarah im Interview

Ich glaub viele versuchen individuell sein.

Ja, wobei man da sagen muss, dass die meisten die sagen sie wollen etwas ganz individuelles in den Laden kommen und ein kleines Herzchen, einen Stern oder ein Wort haben möchten. Das bringt mich immer wieder zum Schmunzeln. Am besten wollen die ein Infinity Symbol. (lacht)
Aber gut, für die ist das halt was individuelles.

Was früher das Arschgeweih oder das Tribal-Tattoo war, ist heute das Infinity Symbol.

Genau richtig. Kleine Wörter und Fineline ist jetzt im kommen, also alles was so fein wie möglich ist. Nur ein zartes Wort, ganz minimalistisch, „Pinterest-Sachen“ sag ich mal.

Früher waren großflächige Sachen in. Richtige Bilder oder traditionelle Sachen. Heute entwickelt es sich zu minimalistischen Sachen oder?

Genau, damit soll man am besten auch anfangen. Das hat aber auch was mit der Gesellschaft zu tun. Diese ganzen kleinen Sachen sind eher akzeptiert. Du hörst ganz oft so etwas wie „ach meine Mutter hat erst gesagt, ich soll mich nicht tätowieren lassen, aber dann kam ich nach Hause mit der kleinen Blume und die fand sie schön“! Das ist natürlich etwas anderes, wie wenn sich die 18-jährige Tochter beim ersten Mal den ganzen Rücken machen lässt, oder eine Hannya-Maske.
Man merkt schon, dass es in die Richtung geht, dass Tattoos von der Gesellschaft akzeptiert werden. Aber diese Nische öffnet sich gerade erst. Und am besten bringt man seinen Eltern oder auch Großeltern das ganz langsam bei. Warte mal noch ein paar Jahre! Wer weiß, was dann modern ist.

Wie gehst du damit um, wenn einer deiner Kunden mit deinen Zeichnungen unzufrieden ist?

Für den Fall hab ich eine Flasche Schnaps im Laden, die ich dann erst mal auf Ex trinken. (lacht)
Nein, das habe ich tatsächlich sehr selten. Wenn es mal passiert dann ist das natürlich verletzend. Du hast da Arbeit reingesteckt und deine Kreativität wird negativ bewertet. Aber es passiert eher, dass die Leute sich es wieder anders überlegen und doch keine Tätowierung haben wollen.

Foto: Robin Killenbec

Was ist das Beste an deinem Beruf?

Die Freiheit, die ich habe. Die Kundschaft die ich habe. Vorher habe ich viel im sozialen Bereich gearbeitet. Klar hast du mal ein Arschloch dabei. Aber zum großen Teil kommen da Kunden die alle eine besondere, ganz spezielle Geschichte haben. Manchmal wollen mich die Leute umarmen, weil es etwas so besonderes ist, was ich für sie mache. Wenn du Kunden hast, mit denen du auf einer Wellenlänge bist, freue ich mich immer so sehr, die Geschichten zu hören. Irgendwie habe ich also immer noch meinen sozialen Bereich. Vor allem, wenn die Leute immer wieder kommen. Ich kann was machen was ich liebe, kann den ganzen Tag zeichnen. Ich habe super geile Kollegen, wir hören den ganzen Tag gute Musik. Wer kann schon von sich sagen, dass er seinen Job wirklich liebt? Ich kann das.
Und was eines der schönsten Dinge ist, das meine Kunden ihrer Tätowierungen bis mit in ihr Grab nehmen. Das ist das Besondere, das allerschönste an der Geschichte, dass selbst wenn ich mal nicht mehr bin, oder meine Kinder – vielleicht kann ich ja auch keine bekommen – ein Teil von mir überdauert die Zeit. Das ist schön. Zu wissen, dass das, was mal ein Gedanke in deinem Kopf war, auf der Haut von jemand Fremden landet und die das jeden Tag bei sich haben. Ein Stück Sarah. Das ist faszinierend.

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