Für Sie gehört: Weibliche Komponisten

Für Sie gehört: Weibliche Komponisten

Im Bayrischen Rundfunk gab es kürzlich einen interessanten Beitrag über weibliche Komponisten zu hören. 23 Minuten lang wird dort über den Werdegang und die Karriere von vier Komponistinnen von früher bis heute erzählt. Wir haben ihn für Sie gehört und zusammengefasst.


Originaltitel des Beitrags: „Frauen als Komponistinnen – Genial und unterschätzt“

Von: Julia Smilga

Erschienen bei: radioWissen im Bayrischen Rundfunk auf Bayern 2, Erstausstrahlung am 9.7.2019

Darum geht’s: Julia Smilga zeigt in einem Vergleich von damals und heute, wie präsent die zeitgenössischen Komponistinnen inzwischen sind. Die Komponistin Fanny Mendelssohn (später Hensel, 1805-1847) steht ihr Leben lang im Schatten ihres Bruders Felix. Obwohl dem Vater Abraham die musikalische Förderung seiner beiden Kinder eine Herzensangelegenheit ist und ihr die gleiche Begabung wie ihr Bruder innewohnt, verbietet die Familie Fanny eine musikalische Karriere. Während Felix sein Talent in der Öffentlichkeit präsentieren kann, soll sie „sich ernster damit beschäftigen, eine Hausfrau zu werden“, so ihr Vater.

Fanny Mendelssohn
(Wikimedia Commons)

Dennoch unterstützt er  ihre musikalischen Ambitionen weiterhin, aber nur hinter verschlossenen Türen. Auch ihr Bruder lobt ihre Werke und veröffentlicht diese teilweise mit seinen eigenen, ohne einen Hinweis darauf, dass diese von ihr und nicht von ihm stammen. Trotz alledem blüht sie weiterhin in der Musik auf und nimmt viele Gelegenheiten zum Musizieren  wahr, wie das Dirigieren und Begleiten eines Chores und die Musikabende im Haus. Die Welkt erfährt von der Existenz der Komponistin Fanny Mendelssohn erst 1965, als der Besitz der Mendelssohns an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz übergeben wird. In diesem Nachlass befinden sich fast 450 ihrer musikalischen Werke.

Ethel Smyth
(Quelle: Wikimedia Commons)

Die Komponistin Ethel Smyth (1858-1944) teilt ein ähnliches Schicksal. Ihr Leben lang kämpft sie für ihre Rechte als Frau und als Künstlerin. Auch ihr Vater wehrt sich zunächst sehr dagegen Ethel auf ihren eigenen Wunsch hin Musik studieren zu lassen. Doch sie setzt ihren Kopf durch, bis nach einem Jahr der väterliche Widerstand gebrochen ist und sie beginnt am Leipziger Konservatorium Komposition zu studieren. Obwohl das Studium ihre Erwartungen nicht erfüllt, macht sie Bekanntschaften mit vielen Komponisten, unter anderen auch Johannes Brahms. Ethel bewundert ihn für seine Kompositionen, jedoch nicht als Mensch, da er sich frauenfeindlich äußert. Dennoch will sie seine Anerkennung als Komponistin gewinnen. Diese bleibt allerdings aus, trotzdem kehrt sie motiviert und voller Ideen nach England zurück und feiert ihr Debüt als Komponistin. Ethel Smith verdient als eine der ersten Frauen ihren Lebensunterhalt alleine mit ihren Kompositionen. Sie kämpft ihr Leben lang gegen jedes Unrecht, dem Frauen ausgesetzt sind. So komponiert sie 1911 ihren March oft the Women, der bald als Hymne der Suffragetten (Frauenrechtsbewegung in Großbritannien) bekannt wird. Trotz dessen, dass sie 1922 als Dame of the British Empire geadelt wird, bleibt es ihr zeitlebens immer ein Kampf, sich als Frau zu behaupten.

Die Karriere der russischen Komponistin Galina Ustvolskaya (1919-2006) hingegen beginnt zunächst vielversprechend. Komponistin ist in den 1940er-Jahren in der damaligen Sowjetunion für Frauen ein ganz normaler Beruf, da dort Gleichberechtigung propagiert wird. Die osteuropäischen Länder sind im Hinblick darauf fortschrittlicher in den 1940- bis 1960er-Jahren. Dennoch erfährt die Welt von Galinas Existenz erst nach ihrem 70. Geburtstag. In diesem Fall nicht, weil sie eine Frau ist, sondern wegen ihrer Musik. Ihre Werke passen nicht in die Ideologie der sowjetischen Musikkunst. Sie komponiert in ihrem ganz eigenen Stil, der sich in keine Schublade stecken lässt. Es gibt keine andere Musik, die hinsichtlich der Lautstärke solche Extreme ausbreitet oder Instrumente beinhaltet, die eine größtmögliche Distanz aufweisen. Anfang der 1990er-Jahre werden ihre Werke durch Festivals allmählich im Westen bekannt. Es scheint unglaublich, wie ihre Musik so völlig unbemerkt entstehen konnte. Anerkennung bekommt sie 1992 durch den Heidelberger Künstlerinnenpreis. Galina Ustvolskaya ist der Meinung, dass eine Trennung von männlichen und weiblichen Werken nicht existieren darf und lehnt es von daher ab, als komponierende Frau bezeichnet zu werden.

Sarah Nemtsov (geb. 1980) ist eine der bekanntesten Komponistinnen der neuen deutschen Musikgeschichte. Trotzdem musste sie die Geschlechterfrage mehrmals am eigenen Leib erfahren, sogar noch 2011 beim renommierten Festival neuer Musik, den Donaueschinger Musiktagen. Nachdem das Festival 2010 sehr männerdominiert gewesen ist, gab es 2011 ein Konzert mit nur weiblichen Komponistinnen. Zunächst war Sarah Nemtsov sehr glücklich darüber, bis im Nachhinein darüber diskutiert wurde, was nun anders gewesen sei, weil es nun einmal das Frauenkonzert gewesen sei. Sie ärgert sich darüber, nur über diesen Filter wahrgenommen zu werden. 

„Auch interessant ist, dass mir immer mal wieder gesagt wird, meine Musik würde ja so männlich klingen. Das finde ich dann irgendwie komisch, weil was sind diese Attribute? Also heißt das, wenn ich jetzt kraftvolle oder auch mal aggressive oder anstrengende oder komplexe Musik schreibe, dass das dann gerade als etwas Männliches gesehen wird? Wer sagt denn, dass Frau diese Kraft oder diese Wut oder Zorn nicht auch mindestens genauso stark empfinden kann? Das sind dann oft so versteckte Sachen, wo sowas dann nochmal rauskommt irgendwo. Wo dann Vorurteile so da sind.“

Sarah Nemtsov

Die Vorstellung, dass Frauen als Komponistinnen nicht erfolgreich sein können, hält sich bis heute hartnäckig – vor allem bei ihren männlichen Musikerkollegen. Noch heute werden Frauen als Komponistinnen herabgesetzt, da ihnen angeblich die Kraft zum Komponieren fehle. Allerdings geschieht laut Sarah Nemtsov in den letzten Jahren ein langsamer Wandel und immer mehr Komponistinnen erobern die Szene der neuen Musik.


Header: Wikimedia Commons

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Instagram
Twitter